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5. Januar 2026 Gefasst und fest genommen Auf dieses neue, nagelneue Jahr habe ich mich an Silvester gefreut, weil ich mir einige Veränderungen meines Alltags vorgenommen hatte. Gute Vorsätze kann man natürlich immer fassen, aber es ist leichter, wenn man ein traditionelles Datum dafür nimmt. Dass man lebt, dass man älter wird, dass man jung bleibt, feiert man gewöhnlich an einem festen Datum, auch wenn eine halbe Million Menschen das nur alle vier Jahre können, seine Götter feiert man an im Voraus festgelegten Daten, seine Nation auch, selbst politische Forderungen haben ihren festen Platz im Kalender, obwohl man das alles jeden Tag tun könnte, also sich des Lebens freuen, Göttern dienen, Politisches fordern. Für Neujahr als Datum guter Vorsätze spricht auch die Ruhe im gesellschaftlichen Leben. Alle, die genug haben, beschwert ein voller Bauch, die hiesige Kälte bremst uns, und auch Berufliches hat jetzt ein paar Tage lang mehr Zeit. Jetzt, nach dem Trubel der besinnlichen Tage, kann man sich auf sich selbst besinnen. Was wollte ich nochmal? Ach, ja. Und jetzt wäre der richtige Moment, damit anzufangen. Was man sich vornimmt, ist ja, sonst müsste man es sich nicht vornehmen, etwas Schwieriges. In der Regel ist es etwas, was man allein schaffen kann, also meistens etwas Persönliches. Wenige werden sich sagen:"So, dieses Jahr sammele ich endlich ein paar Getreue um mich, stürze die Regierung und führe den Ismus ein!" Einige wollen vielleicht endlich einem Verein beitreten, der sich für benachteiligte Menschen, Tiere, Pflanzen oder Landschaften einsetzt oder sich um sie kümmert. Bei den meisten aber geht es um Pflichten und Askese, also z.B. jeden zweiten Tag dauerlaufen, nicht mehr rauchen. Oft geht es um die eigene Gesundheit, die Wohnung, das Zusammenleben mit den anderen. Nach meiner Überzeugung haben gute Vorsätze um so bessere Chancen, je konkreter sie sind. Einem Vorhaben wie "Besser mit dem Geld auskommen" fehlt ja schon die Art und Weise, in der es funktionieren soll. "Kein Gemüse mehr kaufen", weil Gemüse so teuer ist, wäre dagegen ein konkreter Schritt zur Sparsamkeit. "Weniger Fernsehen" muss schon scheitern, wenn man nicht genau,vielleicht mit Stechuhr, auf die Zeit vorm Bildschirm achtet. Und auch wenn man die Zeit misst, kann man sich immer noch sagen, man habe nicht geguckt, sondern hauptsächlich Bier getrunken und den Fernseher nur angehabt, damit das Bier nicht so langweilig sei. Eine schöne Illusion ist natürlich auch etwas wert, aber selten Ziel guter Vorsätze, oder? Gut ist es wohl auch, wenn man seinen Vorsatz täglich überprüfen kann: Heute Gemüse gekauft? Nein. Gut, wieder einen Tag dahin geschafft, dass der Verzicht auf Gemüse zur lebenslangen Einstellung wird. Ein Vorhaben wie "Dieses Jahr endlich Italienisch lernen" hat es schwerer, wenn man im April immer noch keinen Kurs ausgesucht, keinen Abiturienten mit italienischen Eltern engagiert, kein Lehrbuch gefunden, keinen Videokanal abonniert hat. Oder lieber im Urlaub in die Sprache eintauchen? Wenn man auf diesem Plan beharrt, kommt man irgendwann doch dazu, täglich etwas für die eigenen Italienischkenntnisse tun zu wollen. Kritik an guten Vorsätzen wird selten am Vorhaben selbst laut. "Bist du bescheuert, mit dem Rauchen aufhören zu wollen?" Das habe ich noch nie gehört. Sollte mir jemand erklären, im neuen Jahr täglich ein Vaterunser beten zu wollen, würde ich Schluckauf kriegen, aber ansonsten, so höflich es mir möglich ist, schweigen. Kritik wird in den meisten Fällen daran geübt, dass man sich überhaupt etwas fürs neue Jahr vornimmt. "Das schaffst du nicht", heißt es dann oder: "Wetten, nach drei Wochen ist das vorbei?" Es ist der gutgemeinte Versuch, Enttäuschungen durch Entmutigung zu verhindern. Oft ist auch ein Widerwille dabei, jemanden sich kasteien zu sehen, als wäre das schwerer zu ertragen, als dass jemand kein Italienisch kann. Natürlich darf man enttäuscht sein, wenn man nach drei Wochen erschlafft und den guten Vorsatz aufgibt. Man darf aber auch sehen, dass es vielen so geht, dass der Alltag enormen Widerstand gegen Veränderungen leistet, dass man vielleicht nicht zuerst bei sich selbst, sondern an seinen Lebensumständen ansetzen muss. Es gibt so viele, die ihr Geld für sich arbeiten lassen, da könnte man selbst vielleicht auch die Arbeit kündigen. Das Kind kann man im Teich ertränken. Fertiggerichte geben einem Zeit für soziales Engagement, falls die Leute im Verein nicht misstrauisch gegenüber solchen sind, deren Kind in flachem Wasser ertrunken ist. Im Ernst, wer nach drei Wochen aufgibt, hat drei Wochen lang Erfolg gehabt und kann im Sommer erneut ansetzen, für wieder drei Wochen oder auch nur zwei. Eine Ehe ist auch nicht gescheitert, wenn sie nach zwanzig Jahren geschieden wird, sondern hat wahrscheinlich zirka fünfzehn Jahre lang funktioniert. Womit ich nicht dem Heiraten das Wort reden will. Meine guten Vorsätze sollen dazu führen, dass ich mehr von dem tue, was ich eigentlich tun will und was mir guttut. Die Uhr spielt dabei eine für mich untypisch große Rolle. Es könnte sein, das kann ich heute schon sagen, dass Ausruhen mir viel weniger bringt, als ich dachte.
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