11. Oktober 2023

Lorbeerbekränzt
 
Der höchste Feiertag des Jahres ist nach neuester Ansicht nicht der Geburtstag von James Jamerson oder der Geburtstag von Germaine Greer oder der von Toni Tschechow, sondern der Donnerstag im Oktober, an dem der Nobelpreis für Literatur verkündet wird.

Im Internet hat jemand namens "Morose Mary" im letzten Jahr eine Liste von 102 Nobelpreiswürdigen zusammengestellt und zu jedem Namen eine knappe Seite lang begründet, was das jeweilige Werk auszeichnet. Die letztjährige Preisträgerin hatte sie auf ihrer Liste gehabt, den diesjährigen Preisträger auch.

Ganz klar, es ist ein Spiel. Die Fußballweltmeisterschaft, egal ob der Frauen oder der Männer, kostet, wenn man sich richtig reinhängt, etwa hundert Stunden, die man vor dem Bildschirm verbringt, wenn man nicht gleich hinfährt, was noch mehr kostet, also an Zeit. Mit dem Literaturnobelpreis kann man es ähnlich halten, außer dass Hinfahren eher witzlos wäre. Wohin denn?

Seit letztem Jahr suche ich mir jedes Jahr einige Autorinnen von Marys Liste aus, deren Beschreibung für mich interessant klingt, um von jedem ein Buch zu bestellen. Generell ist nicht vieles auf Deutsch übersetzt und davon wenig noch im Druck, weswegen ich mich an Antiquariate wende. Mary gehört zu den wenigen, die die ganze Welt der Literatur wahrnehmen, und nicht nur, wie die alljährlich enttäuschten deutschen Feuilletonisten, drei oder vier männliche weiße US-amerikanische Romanciers. Mein Ziel ist es, über den Ausgezeichneten sagen zu können: "Ha, kenne ich!" oder: "Ja, hab ich von gehört, scheint aber inhaltlich/formell nicht mein Ding zu sein." Autobiographisches, zum Beispiel, interessiert mich nur, wenn ich die jeweilige Person persönlich kenne. Der aufopfernde Kampf der Soundsos gegen ihre Unterdrücker ist mir aus der Zeitung bekannt und selten besser dargestellt als dort. Lyrik verliert gewöhnlich viel in der Übersetzung. Am schlimmsten aber ist es, wenn zuerst erzählt wird, was zuerst passiert, und danach erzählt wird, was danach passiert, und überhaupt viel passiert.

Wie immer war ich spät dran. Jon Fosses Das ist Alise war erst einige Stunden nach der Preisverkündung in der Post. Ich hätte es auch im Laden neu bestellen können, denn dieses Buch ist nach zwanzig Jahren immer noch im Druck, wird also wohl viel gelesen. Mein Exemplar enthielt viel Sand, von Amrum, tippe ich, denn dort fahren die Leute hin, die literarische Literatur lesen.

"Novelle" steht auf dem Buchdeckel, nicht weil hier eine unerhörte Begebenheit geschildert würde oder weil, wie Goethe es von einer Novelle verlangt, jemand einen Falken äße, sondern weil der Text kurz ist. Er ist auf 110 Seiten mit viel Rand gedruckt, wahrscheinlich damit das Buch nicht allzu schmal ist. Auf der Rückseite wird die Woche zitiert: "Es gab Henrik Ibsen, dann kam nichts - jetzt gibt es Fosse." Falls sich das auf den Dramatiker bezieht, der Fosse auch ist, werden damit locker Leute wie Brecht und Beckett ignoriert, das kann eigentlich nicht sein. Wahrscheinlich geht es um norwegische Literatur, in der es tatsächlich nach Ibsen, den man ja aus der Schule kennt, nichts gegeben hat: Philip Roth war kein Norweger, John Updike auch nicht, also gab es nach Ibsen keine norwegische Literatur. Außerdem hat jemand auf der Rückseite das Buch zusammengefasst, ohne es zu lesen.

Tatsächlich geht es um Folgendes: jemand namens "ich" sieht eine alte Frau, Signe, auf einer Bank liegen, die sich selbst am Fenster stehen sieht, während ihr Ehemann, Asle, für immer verschwindet. Sie kann seit über zwanzig Jahren nicht davon lassen, sich diese Szene immer wieder vor Augen zu führen. Sie hat graue, ehemals schwarze, Haare, fühlte sich auf den ersten Blick mit Asle zusammengehörig, hat ihm im ersten Winter einen schwarzen Pullover gestrickt und oft am Fenster gestanden, um ihn von einer Bootsfahrt zurückzuerwarten. Das ist alles, was wir über sie erfahren.

Die Stube, in der Signe liegt, gehört zu dem Haus, in dem Asle, wie seine Vorfahren, aufgewachsen ist. Seine Eltern und Geschwister werden genau einmal erwähnt, nämlich als solche, die nicht mehr in dem Haus wohnen. Dieses Haus liegt an einem Fjord. Eine Landstraße windet sich, zu beiden Seiten gehen die Hänge hoch, ein Nachbarhaus wird erwähnt. Asle hat ein Bootshaus und ein Ruderboot, das er sich etwas kleiner als üblich hat bauen lassen. Im Sommer leuchtet das Wasser blau, aber als Asle verschwindet, ist es November und schon am Nachmittag dunkel, außerdem stürmisch.

Alles in der Geschichte ist dunkel: die Landschaft, Signes Haare, Asles Haare, sein Pullover, sein Boot. Aber es gibt Feuer im Ofen und manchmal am Ufer und letztlich auch eines auf dem Fjord, auf das Asle zufährt.

Asle hat nicht nur ein Boot, sondern, anders als Signe, auch Eigenschaften. Er ist scheu, unsicher, maulfaul und trägt schwer an seiner Seele. Aus dem Haus zu gehen, erleichtert ihn, besonders die Bootsfahrten auf dem Fjord. Einige seiner Vorfahren werden auch beschrieben. Signe begegnet ihnen, sie sieht sie in Situationen, die mit dem Wasser und seinen Gefahren zu tun haben, spricht aber nicht mit ihnen. Wenn sie ins Haus gehen, denkt Signe, es sei nicht mehr ihr eigenes Zuhause. Mehrere dieser Vorfahren sind Frauen ohne Mann, wie sie selbst.

In der zentralen (längsten) Szene ertrinkt Asles Großonkel, der auch Asle heißt, als Kind. Als Anagramm steckt Asle auch in seiner Ururgroßmutter Ales. Sie heißt auf deutsch Alise, auf englisch Aliss, auf französisch Alice, alles sicher mit dem Einverständnis des Autors, aber ohne mein Verständnis. Ein Buch kann auf deutsch schlecht "Das ist Ales" heißen, das sähe ja nach einem Druckfehler aus. Aber dafür das Anagrammatische am Namen der Ururgroßmutter aufgeben – da hätte es sicher eine andere Lösung gegeben.

Man erfährt also einiges mehr über Asle als über Signe, aber auch bei ihm wird vieles, seine Mimik, seine Kindheit, sein Broterwerb, dankenswerterweise weggelassen. Es ist eher wie im Theater. Europas angeblich meistgespielter lebender Dramatiker lässt diese Geschichte hauptsächlich in einer Stube spielen, deren Türen ständig aufgehen, weil jemand reinkommt oder rausgeht, er setzt einzelne Spotlights, durch die es an einer Stelle sogar gleichzeitig hell und dunkel ist, nur an Dialog fehlt es ein bisschen. Aber tut es das? Nur weil ich Verbales verständlicher finde als Nonverbales, müssen Leute in einer Geschichte oder auf der Bühne doch nicht geschwätzig sein. Das ist ja gerade das Schöne an Literatur, dass man Zeit hat, sich zu überlegen, was da wohl gemeint ist, was einem eigentlich für eine Geschichte aufgetischt wird, was man von den Charakteren wohl halten soll. Sechs Tage nachdem ich dieses Buch ausgelesen habe, bin ich damit noch nicht fertig.

Wer ist das "Ich", das als erstes Wort und ein zweites Mal im letzten Satz genannt wird? Warum betet Signe ganz am Ende, nach dem zweiten "ich", zu ihrem Herrn Jesus? Was ist das für ein Feuer auf dem Fjord? Warum wird ein bestimmtes, historisch insignifikantes, Datum gleich viermal genannt? Warum haben die Sätze meistens keinen Punkt an ihrem Ende, an manchen Stellen aber doch? Hat der entschwundene Asle dem ertrunkenen Kind Asle nachgeeifert?

Nach meiner Lesart ist das "Ich", das die Geschichte einleitet, Asle. Er ist irgendwohin, hat sein Boot zurückgelassen, das später gefunden wurde, und stellt sich nun vor, dass Signe ihm nach zwanzig Jahren immer noch nachhängt, sich nicht ihre, sondern seine Vorfahren vorstellt und sonst kein Leben hat. So ist er, dieser Asle. Andererseits kann eine Depression auch dazu führen, dass man sich nach innen kehrt und für andere kein Interesse mehr aufbringt, auch dass man schwammig denkt und keinen Punkt machen kann.

Will sagen, die Lektüre hat sich gelohnt. Auf Amrum war ich trotzdem noch nie.

 

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