11. Dezember 2020

Fotzenschwuchtel
 
Letzte Woche wollte ich den Namen Florence Foster Jenkins' schreiben, und zwar richtig. Für den Fall, dass zwischen "Foster" und "Jenkins" ein Bindestrich gehörte, bemühte ich das neben mir stehende dtv-Lexikon in 20 Bänden. Das habe ich vor einigen Jahren in bestem Zustand für einen Euro erworben. (Ich hätte auch den Computer mit richtigem Internetzugang anwerfen können, aber so geht es schneller, und es ist gut, unterschiedliche Quellen zur Verfügung zu haben. (Dieser Rechner hat zwar einen Internetanschluss, ist aber so alt, dass er praktisch nur noch auf meine Site zugreifen kann. Damit er das kann ist sie auf eine solche altmodische Weise programmiert. Und deshalb auch benutze ich diesen Computer, weil ich nicht noch eben gucken kann, wie Spanien es geschafft hat, seine Neuinfektionsrate so stark zu senken, oder inwiefern die bürgerlichen Freiheiten in Costa Rica neuerdings beschädigt sind oder was ein Polnischer Raum ist. Sein Energieverbrauch ist aber enorm. (Neben mir liegen seit vier Jahren drei Laptops ähnlicher Bauart, die alle fast gleichzeitig nicht mehr hochfuhren. Das Problem würde ich gern einmal lösen. (Ich könnte sie auch an einen sicheren Ort räumen, bis ich Muße für sie habe, aber beim Aufräumen gibt es Dringenderes, zum Beispiel das Gemüse, das ich gekauft habe und das bald in einen Topf geschnippelt werden muss, ehe es durch meine fungiden und bakteriellen Nahrungskonkurrenten in ungeschnittenen Abfall verwandelt wird.

))))

Bei kurzem Sinnieren hätte ich darauf kommen müssen, dass ich in nordamerikanischen Nachnamen noch nie einen Bindestrich gesehen habe. Allerdings, einen Moment mal, heißt "nie" doch eher "gerade erst". Voll konzentriert auf mein Thema ließ ich das Sinnieren aus und schlug unter "Foster" nach. Dort fand ich weder den Erfinder der Adoption (kleiner Scherz), noch jene berüchtigte Sängerin, sondern nur Stephen Foster: "schuf viele volkstüml. sentimental-humorist. Negerlieder". Nanu, das Lexikon ist nach dem Copyright von 1982 und diese Ausgabe von 1995. dtv ist als gemeinsame Gründung angesehenster Verlage so sehr Mainstream, dass man über eine politische Ausrichtung kaum sprechen kann. Daran kann es nicht liegen.

Eigentlich hätte ich jetzt mein Glück unter "Jenkins" versuchen müssen, aber ich war so perplex, dass ich das vergaß und lieber wissen wollte, was ein "Negerlied" ist. Das fand ich nicht in diesem Lexikon, aber immerhin "Neger": "die der negriden Rasse (-> Negride) angehörenden Menschen [...] Der Ausdruck 'N.' gilt heute oft als diskriminierend". Ach, was.

Selbstverständlich erwartete ich nun unter "Schwuchtel" die Definition "männlicher Praktikant der gleichgeschlechtlichen Liebe" mit der Anmerkung zu finden, der Ausdruck gelte heute "vielfach als derb". Aber das ganze Stichwort fehlte. Dann sah ich nach "Fotze": "ein dem weiblichen Geschlecht angehörender Mensch". Aber auch hier Fehlanzeige.

Das Lexikon überstand meinen Erstaunensanfall und klärte mich weiter auf. "Negride": "anthropologische Bez. für die in Afrika südlich der Sahara (Schwarzafrika) beheimateten Menschenrassen [...] Nach E. v. Eickstedt lassen sich innerhalb des negriden Formenkreises [...] unterscheiden." (In den Stellen, die ich ausgelassen habe, steht unter anderem etwas von kurzem Haar. Die Definition ist also auch eine kulturelle.)

Jetzt wusste ich immer noch nicht, was ein "Negerlied" sein sollte. Der inzwischen doch angeschaltete neuere Computer zeigte mir ein Bild von Stephen Foster, auf dem er klar als Abkömmling von Europäern zu erkennen ist. Ein solches Lied ist also kein von einem "den in Schwarzafrika beheimateten Menschenrassen Angehörigen" komponiertes, vielleicht aber eines in einem diesen "Angehörigen" zugeschriebenen Stil, ihn nachahmend oder nachäffend, oder eines über Angehörige. Diese Frage blieb letztlich unbeantwortet. Das Hinzuziehen anderer Quellen verbot sich, weil ich ja wissen wollte, was dieses Lexikon damit meint.

Mein Interesse richtete sich nun auf den Begriff der Rasse, der meines Wissens auf den Menschen nicht anwendbar ist, weil die genetischen Unterschiede zwischen durchschnittlichen Angehörigen auch der äußerlich voneinander entferntesten Menschengruppen nicht groß genug sind. Das dtv-Lexikon in 20 Bänden hierzu: "Menschenrassen, natürl. systemat. Untergruppen der Art Mensch [...] Die von altersher übliche Dreiteilung der Menschheit nach der Hautfarbe als dem auffälligsten Rassenmerkmal ('Weiße', 'Schwarze', 'Gelbe') ist auch heute noch das Grundgerüst aller Klassifizierungen der M." Die Angabe weiterführender Literatur begann mit: "E. v. Eickstedt: Rassenkunde und Rassengesch. der Menschheit (1934)". Da müsste man doch nur einmal, gibt es denn da keine Redaktion, ich meine, 1995, was soll ich sagen.

 

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