4. Dezember 2020

Ungeübt
 
Im Musikunterricht wurde uns einmal Florence Foster Jenkins vorgestellt, deren Traum es war, eine gefeierte Opernsängerin zu sein und deren vermögender Gatte ihr Auftritte in großen Häusern ermöglichte. Für das geübte Gehör soll ihr Gesang fürchterlich gewesen sein, aber ihr eigenes Gehör war wohl ungeübt. Trotzdem waren die Säle oft voll mit Menschen, die des hämischen Amüsements wegen gekommen waren. So heißt es. Mein Verdacht ist aber, dass viele nur lachten, weil die anderen lachten, und den Gesang insgeheim schön fanden, nachtigallenhaft eben und nicht eulenmäßig.

Womit ich, hoffentlich ein letztes Mal, bei Donald Trump bin, einem Menschen, der so sehr die Anerkennung gewisser Kreise wünschte, aber dort letztlich nicht als "Mr Trump" bekannt war, sondern als entnervt so bezeichneter "The Donald". Diese Kreise haben, wie alle Kreise, ihre eigenen ungeschriebenen Regeln, die manche schon als junge Erben lernen, andere erst später und einzelne auch nach Jahrzehnten nicht.

Donalds Traum war es spätestens seit der Wahl von 1988, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Er hatte einen vermögenden Vater und schaffte es, selbst so zu wirken. Das verschuf ihm die Möglichkeit, auf großen Bühnen aufzutreten und viel Aufmerksamkeit zu heischen. Viele kamen, um über ihn zu lachen, und andere lachten mit. Insgeheim aber, ohne dass es die Fachleute gewahr wurden, fanden viele, die im Wählen ungeübt waren, die Auftritte von Donald schön, befreiend und wahrhaftig.

Was er befreite, waren vor allem rassistische Haltungen, Reden und Taten, sexistische ebenso und eine Wut auf die Wirklichkeit. Der weiße Mann ist zwar immer noch, zulasten aller anderen, auf der Gewinnerseite, aber nicht mehr so krass wie früher. Dieser Verlust ist schwer zu verkraften, und Donald konnte das gut vertreten, weil auch er im Vergleich zu dem, was er sich wünscht, ein Unterprivilegierter ist.

Nun sitzt er in dem Haus, das er nicht zu seinem eigenen machen konnte, weil sein Staat eine Republik ist, und in dem obendrein viel weniger gülden ist als in seiner Privatwohnung, und kann nicht verstehen, dass die vielen Menschen, die ihn gewählt haben, nicht genug gewesen sein sollen. Dieser Jammer ist sehr kindlich und damit sehr menschlich, denn Kinder, das wird oft vergessen, sind Menschen.

Wir finden es kurios, was da schon wieder Schnurriges aus Amerika kommt, und vergessen, dass wir in Europa den Schlagersänger und tatsächlich reichen Unternehmer Berlusconi hatten, der als Ministerpräsident offenbar hauptsächlich die Unabhängigkeit der Justiz bekämpfte, den Präsidenten von Atlético Madrid Jesús Gil y Gil, der die Partei GIL gründete und zwar nicht Ministerpräsident, aber immerhin Bürgermeister von Marbella wurde, und dass wir auch heute noch eine ganze Reihe von "Königen" haben, halbseidenen Gestalten, die für ihre Rolle in der Politik überhaupt nichts getan haben und nicht abgewählt werden können.

Wir finden es auch schlimm, mit welchen Gestalten sich Herr Trump umgibt, wie er Familie und Freunde begünstigt, wie er in Mafia-Jargon verfällt, als hätte er dorthin Verbindungen, dass er trotz allem für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden ist, und vergessen dabei unseren Ehrenmann Helmut Kohl.

Natürlich muss er ins Gefängnis. Wenn man will, wird man ihn, wie Al Capone, wenigstens wegen Steuersachen drankriegen. Nicht betrafen muss man ihn für Persönliches wie seine langen Krawatten, sein orangenes Make-up, seine Vorliebe für Fastfood, das er mit Messer und Gabel isst, seinen kleinen Tisch, sein Erschrecken vor einem auf ihn einhackenden Adler, seine Stimmungsschwankungen. Der Schaden, den er der Demokratie nicht nur in den USA, sondern weltweit beigebracht hat, ist leider und zum allgemeinen Wohl durch das Recht auf freie Rede gedeckt.

 

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