20. August 2015

Das Ende des Lebens, wie ich es kenne
 
Der Tag würde kommen, das wusste ich, und bisher habe ich mich immer darauf gefreut. Mein Ältester wird flügge. Neunzehn Jahre lang habe ich darauf hingearbeitet. Mein Ältester ist aber auch mein Einziger, und wenn er weg ist, werde ich einen Teil meines Tages anders füllen müssen. Nicht nur das. Ich werde ein Kapitel meines Lebens abschließen und dem Tod einen großen Schritt nähertreten. Das gefällt mir nicht so gut.

Außerdem wird die Wohnung zu groß für mich allein sein. Das Sozialamt erlaubt mir fünfzig Quadratmeter, und diese hat offiziell über sechzig. Die Wohnung gefällt mir sehr gut, es ist die schönste, die ich je bewohnt habe, die Gegend ist auch angenehm. Ich müsste mich also irgendwo anbiedern, um an mehr Geld zu kommen, halte das aber für fast aussichtslos.

Außerdem wird die Wohnung zu groß für mich allein sein. In den letzten fünfundzwanzig Jahren war immer jemand da. Ich musste nicht weit laufen, wenn ich mal plauschen wollte, sondern nur in die Küche gehen. Früher oder später fand sich dort ein Mitbewohner ein. So will ich es auch künftig haben.

Wer aber hält es mit jemand Älterem wie mir aus, festgefahren in alten Gewohnheiten, schlampig, eigensinnig? Wer ist mit einem mittelkleinen Zimmer zufrieden? Die nahegelegene Universität hätte vielleicht einen chinesischen Doktoranden für mich, jemand Stilles, der den ganzen Tag im Labor oder in der Bibliothek hockt und bei uns hin und wieder interessant kocht. Der allgemeine Mangel an bezahlbarem städtischem Wohnraum wäre da auf meiner Seite.

Dann hörte ich aber, dass die Behörden händeringend Wohnungen für Flüchtlinge suchen. Ich habe ja nur eine halbe zu bieten, aber vielleicht nehmen sie auch das. Für mich wäre es sehr interessant, auf diese Weise mit der weiten Welt in Kontakt zu kommen. Zum Reisen fehlt mir ja das Geld. Interessant wäre es auch, selbst von Dingen zu hören, die ich sonst nur aus der Zeitung kenne.

Nach einigen Wochen des tiefen Luftholens habe ich gestern beim Amt angerufen. Ja, eine halbe Wohnung geht auch. Was für eine Sorte Flüchtling ich denn gern hätte. Männlich, sagte ich, gern nicht so religiös. Die Freiheit von jeder Religion ist mir wichtig. Zum Rauchen konnte ich nichts sagen. Vielleicht habe ich nächste Woche Lust, damit anzufangen. Diese Freiheit muss natürlich für alle in der Wohnung gelten. Gern einen Afrikaner, sagte ich, weil ich Vertrauen zu dem Kontinent habe, aus dem die Musik stammt, und weil ich vermute, dass Afrikaner die meisten Probleme mit der Wohnungssuche haben. Wir einigten uns also auf einen jungen Eritreer, die sind alle sehr ruhig, hieß es, und ich fühlte mich, als hätte ich einen Hund bestellt. Nun bin ich gespannt.

 

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