29. Juli 2015

Männerträume
 
Vor zwei Jahren habe ich einer Lesung des Badensers Salim Alafenisch beigewohnt. Er ist als Beduine in Israel geboren worden und aufgewachsen, und das Leben der Beduinen ist es, wovon er erzählt. Seine Lesung war keine übliche, indem er nicht vorlas, sondern nacherzählte. Vielleicht waren es auch die eigentlichen Erzählungen, die er zum Besten gab, und seine Bücher sind nur längere Abwandlungen davon. Die Geschichten waren nämlich so kurz, dass er in der Stunde, die wir hatten, vier oder fünf seiner Bücher vortrug. Er hatte eine schöne Stimme, dunkle Augen, eine große runde Nase und wenig Eitelkeit, also eine angenehme Erscheinung, der man gern zuhört. Nachher kaufte ich mir Das versteinerte Zelt, in dem jemand nicht mehr träumen kann. Das Buch hat hundertundzehn Seiten, deshalb habe ich es jetzt schon durch.

Ein alter Mann stellt nach dem Umzug seines Stammes von Zelten in steinere Häuser fest, dass ihm vieles fehlt, Geld und vor allem die Fähigkeit, im Schlaf zu träumen. Wegen des Geldes zieht er mit seiner Frau zum Markt und verkauft die Ziegen, die einst ihre Mitgift gewesen waren. Wegen der Träume weiß er aber keinen Rat. Dann besucht er einen Freund, der noch im Zelt wohnt, übernachtet dort und hat siebzig Seiten lang Träume, die genauso gut als Erinnerungen vorgestellt werden könnten. Am Ende errichtet er neben seinem Haus ein Zelt, und seine Frau ist froh, dass er dort schlafen und träumen kann, wenn ihm danach ist.

So schön sie zu hören war, geschrieben funktioniert die Geschichte nicht. Zu viele Figuren sind außergewöhnlich geschickt oder schön, zu oft legen sie ihre besten Teppiche aus oder schlachten das größte Schaf. Der Mann, um den es geht, müsste zum Beispiel nicht der berühmte Rababaspieler sein, als der er beschrieben wird, um diese Geschichte zu erleben. Das ist nicht nur ermüdend, der Autor aus dem Orient reproduziert auch noch unser Klischee vom Orient. Es fehlen bloß die Edelsteine. Inwieweit hier das frühere Leben der Beduinen geschildert wird, was die Absicht des Autoren zu sein scheint, bleibt daher unklar.

Klar ist, früher war alles besser. Der Stammesahn erscheint dem Mann mit einer Ermahnung, ob dessen modernen Lebens. Das ermüdet mich auch. Früher war vieles anders, das interessiert mich durchaus, aber so leben wie früher, wie Ludwig XIV. etwa, möchte ich nicht. Ich gebe zu, es gibt auch Sachen, die früher besser waren, Waffen zum Beispiel, aber vor allem war es früher noch nicht so spät.

Eigenartig finde ich an diesem Buch auch, dass nur der erwähnte Mann ein Problem mit seinem Träumen hat. Er spricht nicht mit den Stammesnachbarn darüber, die gleichzeitig mit ihm in Häuser gezogen sind, nur mit seiner Frau. Sie scheint im Haus auch nicht zu träumen, hat aber kein Problem damit. Entweder, schließe ich daraus, sind für Beduinenfrauen Träume nicht so wichtig, oder Beduinenfrauen sind an sich nicht so wichtig. Ja, lange habe ich nichts mehr gelesen, in dem so wenige Frauen vorkommen.

 

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