15. Oktober 2013

Kein Thema
 
Neulich habe ich mal im Internet nach Gedichten zum Thema Menstruation gesucht und dabei festgestellt, wie schlecht Lyrik überhaupt zu finden ist, und damit meine ich nicht die gut gemeinten Reime von Amateuren, sondern das gedruckte Zeug von Sappho, Petrarca und Brecht. Sobald es um Gesungenes geht, kann man sich kaum retten vor Empfehlungen und gibt es thematische Zusammenstellungen zu allem Erdenklichen, von "Küchenkräuter" über "Liebe zu dritt" und "Musik mit Triangel" (Samba, sage ich nur) bis "Huckleberry Finn". Zu Menstruation fällt mir selbst spontan aus meiner Jugend Only Women Bleed, der andere Hit von Julie Covington ein. Aber ich suche ja Gedichte.

Bei Musik kann man oft auch die Suchmaschinen der Plattenversandhändler bemühen, gibt einfach nacheinander "Parsley", "Sage", "Rosemary" und "Thyme" ein, und schon ist die Suppe fertig. Das funktioniert, weil die Händler angeben, auf welcher Platte welche Lieder drauf sind. Buchversandhändler tun Entsprechendes mit den Gedichtbänden nicht. Welches Buch muss ich kaufen, wenn ich Ottos Mops haben will? Okay, ein x-beliebiges Schulbuch, weiter. Sagen wir, di zerstörtn von Thomas Kling? Großes Gedicht eines großen Lyrikers, aber wo isses drin? Das Internet weiß es nicht. Ich frage mal im großen Buchladen in der Innenstadt. "di zerstörtn, da bin ich im Moment überfragt", sehr freundlich, "aber ich könnte Ihnen den neuen Krimi von Henning Mankell anbieten."

Das hat doch alles keinen Sinn.

Lyrik, Leute, lesen! Dann kennt man viele Gedichte. Aber zum Thema Menstruation, antwortet eine Freundin, interessiert dich auch Pipikacka? Nicht im Moment, aber natürlich gibt es da ganz hervorragende Beispiele in der Literatur, wie mehrere Figuren in Chronik eines angekündigten Mordes von García, die Probleme mit dem Pinkeln haben, und das Kind in Die essbare Frau von Atwood, das seine Kacke aus dem Töpfchen klaut und zu Kügelchen gerollt in der Wohnung versteckt. Doch ich gebe zu, Untenrum scheint immer noch ein Tabu zu sein. Warum ist mir in den vielen Büchern, die ich gelesen habe, noch nie eine Analthrombose untergekommen? Da wäre psychologisch-metaphorisch so viel draus zu machen.

Ich habe einige Vermutungen. Unsere Welt wird nicht nur von Männern regiert, sondern auch immer noch im wesentlichen von Männern erzählt. Körper sind ein heikles Thema, Leiden auch, körperliche Leiden umso mehr, und da erzählen die Männer lieber von sich: „die fast zwanzig Jahre ältere Prostata protestierte“ (Rothmann). Frauen sind hingegen vor allem etwas zum Ansehen: Haarfarbe und -länge, Augen, Kleidung, Hände, Größe und Form der Brüste, An- oder Abwesenheit von Leibesfülle, Kleidung, vielleicht der Gang, Kleidung, ganz vielleicht die Stimme (letztere eher zum Hören als zum Sehen). Gut, da hat sich in den Jahrzehnten seit Sexus und Herrschaft sicher einiges getan, sonst hätte ich meine Gedichtsuche gleich sein gelassen. Aber ich bin noch nicht fertig.

Probleme mit Pipikacka sind ein öffentliches Thema. Die Fernsehwerbung ist voll mit Abführmitteln und Harnhemmern. Menstruation bedeutet in der Reklame Ersatzflüssigkeit und ist dort immer regelmäßig. Keine Rückenschmerzen, kein Bauchgrimmen, kein Katzenjammer und keine allgemeine Schwäche, kurz, keine Unpässlichkeit, wie es früher hieß, trübt das Bild der rund um die Uhr schweißfrei Arbeit, Haushalt und Kinder vereinbarenden modernen Frau. Einunddreißig Tage im Monat steht sie ihren Mann, und wenn sie nur einmal durchblicken lässt, dass ihr gerade, wie alle vier Wochen, nicht so zumute ist, muss ihre Arbeit wohl doch ein richtiger Mann übernehmen. Deshalb ist Menstruation ein öffentliches Thema, deshalb suche ich Gedichte dazu.

Eines habe ich gefunden: We Need a God Who Bleeds Now von Ntozake Shange ("spreads her lunar vulva & showers us in shades of scarlet"). Gibt es mehr?

 

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