9. September 2015

Ein Amtstermin zuhause
 
Vorgestern ist zum zweiten Mal in meinem Erwachsenenleben jemand von einer Behörde bei mir zuhause gewesen. Das erste Mal war es ein Polizist gewesen, der meine Aussage zu einem Verkehrsunfall hatte haben wollen und es wohl bei uns interessanter als einen Block weiter auf der Wache gefunden hatte. Auch diesmal wollte niemand schnüffeln, in welchen Verhältnissen ich lebe oder ob ich ordentlich genug bin. Es kam, wie verabredet, die Frau vom Amt für Wohnraumfragen/Wohngeld/Asylbewerberleistungsgesetz, mit der ich diesen Termin vereinbart hatte.

Mit ihr kam der junge Mann aus Eritrea, der vielleicht bei mir einziehen wollte. Sie stellte ihn gleich mit seinem Vornamen, Gebre, vor. Ich habe gelesen, dass Eritreer, ähnlich wie Isländer, keine Nachnamen in unserem Sinne haben. Möglicherweise war das der Grund. Ich vereinbarte mit Gebre gleich das Du. Man kann sich ja nicht mit jemandem siezen, mit dem man täglich die Küche teilt.

Gebre war kleiner als ich, trug das Haar nicht ganz kurz, eine Lederjacke und in die Kniebeugen hängende Hosenträger. Er sprach aber kein Deutsch. Deshalb hatten sie als Dritten einen Dolmetscher dabei, einen älteren Herrn mit grauem Fusselbart am Kinn und bunter Mütze, die er nicht abnahm. Als dieser beiläufig erwähnte, fünftausend Reggaeplatten zu besitzen, war meine Vorstellung davon fertig, wie er abends entspanne.

Die Beamte, die zwei türkische Nachnamen trug, bot, als sie die Schuhe vor der Wohnungstür sah, gleich an, dass alle die Schuhe ausziehen, was sie auch taten. Dann wählte sie zum Besprechen unseren dritten Raum aus, der außer einem niedrigen Tisch und einigen Teppichen und Kissen nur Bücher, Schallplatten und Gesellschaftsspiele enthält und den ich deshalb mal Bibliothek nenne, mal Moschee, wegen der teppichunterfütterten andachtsfördernden Stimmung. Die Fähigkeit, sich auf Menschen einzulassen, braucht man sicher in ihrem Amt, aber diese Frau hatte sie tatsächlich.

Spusi kam auch dazu, nur unser Ältester hielt sich nach kurzem Händedruck zurück. Er hatte im Internet zu tun.

Gebre sprach tigrinya, jedoch nicht viel. Vielleicht war das nicht seine Muttersprache, nur ein Dolmetscher für die anderen eritreischen Sprachen nicht zu finden. Sicher war er von der Situation schwer gefordert und hielt sich schon deshalb zurück. Er sah sich mit uns zweimal die Wohnung an, die ich stellenweise geputzt hatte, und wandte nichts gegen sie ein. Das meiste beredete ich mit der Beamten.

Gebre sei schon mehr als drei Monate in Deutschland, oder werde es bei seinem Einzug sein, und unterliege deshalb nicht mehr der Residenzpflicht, sagte sie. Er habe wie ein normaler Bezieher von Grundsicherung Anspruch auf die Bezahlung einer ersten Wohnungseinrichtung, müsse deshalb von mir keine Möbel gestellt bekommen, könne aber selbst entscheiden, ob er sie dennoch nehme. Spusi hat welche in meinen Keller gestellt, wo sie Platz blockieren und mit der Zeit auch nicht besser werden. Außerdem wird unser Ältester beim Auszug weitere Möbel hinterlassen, die auch irgendwo bleiben müssen.

Noch ist mir nicht klar, inwieweit ich über den Untermietvertrag mitbestimmen darf. Die Beamte forderte von mir eine Mietbescheinigung, um schwarz auf weiß zu haben, dass die Kosten angemessen seien. Dann wird sie wohl festlegen, welchen Anteil der Miete das Amt für Gebre direkt an meine Vermieterin zahlen wird. Ich werde entsprechend weniger Miete zahlen und ein um denselben Betrag niedrigeres Arbeitslosengeld II erhalten.

Für mich ist es wegen meines knappen Budgets wichtig, dass die Kosten für Gas, Strom und Telefon geteilt werden. Wird meine Sachbearbeiterin es mir als Einkünfte von der Stütze abziehen, wenn Gebre mir seinen Anteil überweist? Muss ich dieses Geld heimlich in bar nehmen? Darüber bekam ich keine Auskunft. Die Beamte schien zu glauben, die Heizkosten würden über die Vermieterin abgerechnet, obwohl ich ihr als Etagenheizer meine Rechnung des Gaslieferanten zeigte. Für die Möbel werde ich nichts nehmen, da Spusi meinte, es sei doch gut, wenn sie gebraucht würden, statt bloß unbenutzt älter zu werden. Damit waren wir alle zufrieden, aber Spusi hat geerbt, da sagt sich so etwas leichter.

Etwas bestürzt hat mich die Frage, ob Gebre Freunde in die Wohnung einladen dürfe. Eine Wohnung ist doch zum Wohnen da, wie kann man an so etwas zweifeln?
Am Ende wurde ihm schwer bei dem Gedanken, noch bis Mitte Oktober in der Unterkunft aushalten zu müssen, ehe er bei mir einziehen kann. Ich bot ihm an, da wir uns ja, auch wenn noch nichts unterschrieben war, einig waren, jetzt schon seine Schlüssel anzunehmen und sich für die Übergangszeit, so gut es geht, in der Bibliothek einzurichten. Darauf konnte er aber wohl nicht so schnell eingehen. Dann gingen sie alle, und es hatte nicht lange gedauert.

Ich trank noch mit Spusi einen Kaffee, besorgte dann die Mietbescheinigung und ging einkaufen. Eine Tafel Schokolade aß ich auf dem Heimweg, eine zweite am Abend beim Computerspielen. Im Bett schlief ich bei einem Film ein, und dort blieb ich gestern bis zum Nachmittag. Es war offenbar nicht nur Gebre von unserem Treffen sehr gefordert gewesen.

Seitdem versuche ich, die Frau vom Amt zu erreichen, weil ich die Zeit vor dem Einzug nutzen möchte, um Gebre hin und wieder zum Kochen einzuladen. Es gibt doch keine bessere Weise, einander kennen- und eine Sprache zu lernen, als miteinander etwas zu machen. Außerdem könnte er so ohne Druck unsere Wohnung kennenlernen, deren Küche, Bad und so weiter bereits fertig eingerichtet sind. Nach meinem Wunsch soll er diese Wohnung bald als unsere gemeinsame annehmen, Veränderungen anregen und ohne Hemmungen seine Meinung sagen.

Wer weiß, wie lange er bleiben wird, wann er genug von mir haben, eine Partnerin finden, woanders ein Studium aufnehmen wird. Vielleicht wird es auch mir irgendwann zu viel, und ich nehme lieber einen stillen koreanischen Doktoranden. Auch für die sind ja Wohnungen knapp. Bis dahin möchte ich jedoch, während Gebre Deutsch lernt, meinerseits Tigrinya lernen. Dann könnte ich seinen Nachfolger, der dann auch aus Eritrea käme, denn so bald wird sich dort wohl nichts zum Besseren wenden, ganz anders empfangen.

 

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