8. Oktober 2015

Mann mit Pickelhaube vor schlechtem Wetter
 
Ich schmeiße ihn raus. Ich lasse mir einen chinesischen Studenten liefern, und wenn er mit Gerüchen kocht, die einen Schweden verjagen könnten. Darf ich das überhaupt? Was sagt das Gesetz über Untermietverträge? Es ist ja schließlich meine Wohnung, und ich muss die Tür zumachen können.

Also, das Pinkeln muss ich Gebre beibringen: nicht kreuz und quer über die Brille, sondern mitten rein. Die Deutschen setzen sich hin. Den Müll trennen kann er perfekt, das gebe ich zu. Ohne Mülltrennung ist man in Deutschland sozial tot. Das Geschirr wäscht er kalt, bevor er es nass in den Schrank stellt. Er wäscht es, wenn er es wieder herausnimmt. Seit zwanzig Jahren hat niemand außer mir in meiner Wohnung legitim abgewaschen. Es wird wohl nicht einfach werden, aber der Abwasch gehört mir. Auch wenn er sich mal (oder meistens) stapelt. Niemand sonst wäscht ab, schon gar nicht kalt. Bewundernswert ist wiederum, wie Gebre sich in der Wohnung orientiert. Das Salz musste ich ihm nicht erst zeigen. Wie kann man soviel Salz essen. Mein Blutdruck. Aber ich muss ja nicht essen, was er sich kocht: Nudeln mit Berbere, der eritreischen Version von Curry. Davon hat er eine ganze Plastiktüte voll, mindestens ein Kilo. Hähnchenschenkel mit Berbere, manchmal eine Tomate in der Sauce. Und alles wird mit Brotlappen aufgetunkt. Morgens, mittags, abends: kommen, essen, zusammen! Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem, was ich für Höflichkeit und Freundlichkeit halte, und dem, was ich für mein eigenes Leben halte, das ich vor allem mittels Gewohnheiten forme.

Ja, Gewohnheiten sind für meine Persönlichkeit wichtiger als Freunde und Familie. Und nun kommt da einer mit anderen Gewohnheiten. Schlimmer wäre natürlich einer ohne Gewohnheiten. Da entstünde schnell eine Hierarchie, weil er nicht anders könnte, als sich mir anzupassen.

Gestern ist mir eine Pickelhaube gewachsen. Gebre hat fünf Tage in der Woche Schule, hauptsächlich oder ausschließlich Deutschunterricht. Vorgestern, so berichtete er am Abend, war er zu spät gekommen, weil sein Fahrrad viel Luft verliere. Also versprach ich, ihm nach der Schule mit dem Flicken zu helfen. Außerdem, da er auch zu spät losgegangen war, weckte ich ihn gegen halb acht. Er sollte die Gelegenheit haben, ohne meine Hilfe aufzustehen, aber auch die Gelegenheit, mit Eile noch rechtzeitig zu sein. Ich weckte ihn aber doch nicht, weil er mein Poltern an der Tür nicht hörte. Er stand halb neun auf und sagte mir um halb elf, sein Fahrrad sei kaputt. Die Schule ist vier Kilometer entfernt, er ist neunzehn und gesund. Ich sagte, geh zu Fuß oder nimm den Bus. Um elf saß er immer noch auf der Treppe. Da zog ich meine Schuhe an und machte ihm klar, dass wir jetzt zusammen gehen. Eilig holte er seine Schulsachen, also sein Telefon, denn, nein, Stift, Papier und Buch scheint er nicht zu haben. Während ich strammen Schrittes voranging, telefonierte er. Dann eilte er hinter mir her, immer einen Schritt zurück. Dann telefonierte er. Als ich ihn an der Schule abgeliefert hatte, eine Stunde vor Unterrichtsschluss, lief er wieder hinter mir her: „Hello! Hello!“ Er kann sich meinen Namen nicht merken oder will es nicht. Da hatte er einen älteren Freund am Telefon, der mir erklären wollte, heute lohne sich die Schule für Gebre nicht mehr. Ich blieb natürlich stur, das war ich ja die ganze Zeit gewesen. Gestern abend ging es dann nicht mehr darum, das Fahrrad zu flicken. Er habe jetzt eines von einem Freund bekommen.

Das war eine Woche, reich von unangenehmen Empfindungen. Mal war Gebre für mich ein Kind, dem ich den Weg weisen muss, wal ein Tier, das nicht sprechen kann und das ich zähmen muss. Natürlich ist das rassistisch. Das ging ganz schnell bei mir. Noch laufe ich nicht irgendwelchen Seitenscheiteln hinterher, aber wer weiß, vielleicht "erkenne" ich bald, dass die Deutschtümler, die Rassehygieniker, die Verbrecher recht hätten. Ich finde das spannend.

 

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