23. Oktober 2015

Wie geht eigentlich die Tür zu?
 
Dinge ziehen andere Dinge nach sich. Diese Woche war ich auf einem Treffen von Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren oder vor haben, es zu tun. Letztere bildeten wohl die Mehrheit der etwa vierzig Anwesenden. Einige kamen gerade von einem Treffen in der Stadt, wo vierhundert Menschen versucht hatten, die Arbeit für den ganzen Kreis zu koordinieren, aber über eine Vorstellungsrunde kaum hinausgekommen waren. In unserer Versammlung saßen viele, die Übung im Abhalten von Versammlungen hatten. Das ist durchaus nützlich. Einer betonte, dass niemand von uns die Kompetenz habe, den Flüchtlingen so zu helfen, wie sie es brauchen, sondern wir uns alles erst erarbeiten müssten. Ein anderer betonte, die aktuelle Änderung des Asylgesetzes, nach der Abschiebungen nicht mehr angekündigt werden müssten, werde sicher viele Flüchtlinge abtauchen lassen, mit unabsehbaren Konsequenzen.

Ich bekam zwei Fragebögen, für die ich eine Datenbank einrichten soll. Endlich habe ich mal wieder eine Aufgabe, für die ich keine sozialen Fähigkeiten brauche. Ich will nicht mehr dauernd freundlich sein.

Eigentlich hoffte ich, dort auf andere zu treffen, die einen Flüchtling in ihrer Wohnung haben, und mich mit ihnen auszutauschen, aber außer mir war da nur einer, und zu einem Gespräch fehlte die Zeit.

Vorgestern sagte mir Gebre, die Frau vom Amt komme in anderthalb Stunden mit einem Großvater, der tigrinya spreche. Immer so plötzlich. Ich räumte meine Bibliothek auf, in der ich geschlafen hatte, und dann kam der Großvater nicht. Die Frau war aber da und brachte uns dazu, Gebres Internetbeteiligung zu halbieren, so dass er ein viertel zahlt und ich dreiviertel. Inzwischen hatte er den Briefkastenschlüssel beim ersten Versuch, ihn zu benutzen, zerstört. Die Frau versuchte, ihm klarzumachen, dass er dafür aufkommen müsse. Sie erklärte mir, dass er, nach Abzug der Lehrmittel und der Stromkosten dreiviertel von dem habe, was mir zu Verfügung steht. Sie erklärte mir nicht, in welchem Vertragsverhältnis ich ihrer Auffassung nach zu wem stehe, bzw. das war mir zu hoch.

Danach baute Gebre Spusis Ehebett für sich auf, das bei mir im Keller gestanden hatte. Er schraubte die meisten Schrauben kaputt, so dass Spusi befürchtet, das Erbstück, das für den späteren Eigengebrauch vorgesehen ist, werde man nicht wieder auseinander schrauben können. Durch die Tür wird es so nicht passen, und zersägt wird es wenig Nutzen haben. Ich kenne mich ein bisschen mit Neunzehnjährigen aus und habe auch Verständnis für Leute, die hier fremd sind. Das bin ich selbst oft. Aber für ADHS fehlen mir endgültig die sozialen Fähigkeiten. Ich will nicht mehr dauernd freundlich sein und plane Gebres Auszug für spätestens Ende September.

Heute habe ich ihm erstmal ein Übergabeprotokoll für sein Zimmer angefertigt. So etwas habe ich beim Einzug in diese Wohnung zum ersten Mal gesehen und eine gute Idee gefunden. Gebre bestand auch gleich darauf, dass die abgeschliffenen Dellen in seinem Fußboden darin genannt werden. Das hat mir gefallen. Er war sowieso gerade auf dem Amt, um Geld für Möbel zu beantragen - besonders wichtig ist ihm ein eigener Kühlschrank - und da konnte ihm jemand erklären, dass seine Unterschrift unter dem Protokoll sinnvoll ist. Für das Internet bezahlen wollte er noch nicht.

 

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