24. Oktober 2007

Zwei Tabus
 
Warum springt die öffentliche Meinung plötzlich Eva Herman zur Seite?

Sie propagiert ihre Vorstellung einer guten Familienpolitik und greift dafür auf einen Vergleich mit dem Nationalsozialismus zurück. Die Nazis seien natürlich ganz furchtbar gewesen, aber deren Familienpolitik viel besser als die heutige, so in etwa ihr Argument.

Darf man sowas nicht sagen? Ich finde, man darf. Ich finde aber auch, bei solch bekanntermaßen heikler Rede ist auch die Frage nach dem Warum erlaubt. Wie kommt die erfahrene Journalistin Herman dazu, für ihre Vorstellung ausgerechnet Faschisten als Vorbild zu nennen?

Ein Versehen kann es nicht gewesen sein, wegen ihrer Erfahrung. Als rechtsextrem ist sie bisher auch nicht aufgefallen. Ist sie bei gründlicher Recherche auf keine Zeit und keine Gesellschaft gestoßen, deren Familienpolitik ihr ebenso gut gefallen hat wie die der Nazis? Dann hätte sie überlegen müssen, ob die nationalsozialistische Familienpolitik überhaupt ohne Rassenwahn denkbar ist. Oder hat sie den Vergleich in der vollen Absicht gewählt, Anstoß zu erregen?

Letzteres erscheint mir plausibler. Und mit Letzterem hat sie großen Erfolg gehabt.

Was ihre Entlassung betrifft, kann ich jedem denkbaren Grund nur zustimmen. Wer nur für die Publicity Nazi-Vergleiche anstellt, ist als Journalistin untragbar. Wer den Nationalsozialismus in irgendwelcher Weise lobt, ohne gründlich nachgedacht zu haben, ist als Journalistin untragbar. Wer nachlässig recherchiert, ist als Journalistin untragbar. Wer rechtsextrem ist, ist als Journalistin im öffentlich-rechtlichen Bereich untragbar. Wer dumm ist, ist als Journalistin untragbar.

Aber warum springt die öffentliche Meinung plötzlich Eva Herman zur Seite? Mein Eindruck ist, man möchte nach sechzig Jahren endlich sagen dürfen, dass die Nazis auch ihr Gutes hatten. Frau Herman hat sich getraut und ist dafür bestraft worden. Da ist die Enttäuschung natürlich groß.

Viel größer wäre die Enttäuschung, wenn diese Leut/ie sich klar machten, dass die Entwicklung in die andere Richtung geht. Das Tabu ist nämlich noch jung. Bis weit in die Siebzigerjahre konnte man des Öfteren hören: "Das hätte es unterm Adolf nicht gegeben!" Oder: "Damals konnte man noch nachts auf die Straße gehen." Über langhaarige Männer wurde offen gesagt, die müsse man vergasen, usw. So sprachen natürlich nur wenige, aber diese Wenigen wurden deswegen nicht behelligt. Erst heute, da die meisten alten Nazis tot sind, haben wir genug Distanz, uns ein Tabu überhaupt leisten zu können.

Es gibt ein anderes Tabu, das fast unmerklich verschwindet. Erst heute nämlich darf man weitgehend unbehelligt sagen, wie furchtbar das Nazi-Regime war. Erst heute darf man sagen, dass sehr viele Deutsche, wenn nicht die meisten, sich persönlich schuldig gemacht haben. In einigen Jahren, da bin ich mir sicher, werden auch die Verbrechen der Wehrmacht als solche allgemein anerkannt sein.

 

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