27. Februar 2015

Im Kochtopf
 
Gestern war ich Schwimmbad, zum ersten Mal seit Jahren. Da es auch das erste Mal seit Ewigkeiten ohne die Kinder war, konnte ich mal in Ruhe beobachten und vieles Interessante sehen.

Es ist eigentlich ein Spaßbad, aber an einem Wochentag abends um sieben kommen die Leute offenbar zum Schwimmen dorthin. Vom ersten Schwimmerbecken (das zweite ist für Vereine reserviert) waren zwei Drittel für das allgemeine Publikum freigegeben, und dort drängte dieses sich auch. Eines der Drittel war für spontanes Hin-und-Her offen, das andere als Kreisverkehr für sportliches Schwimmen eingerichtet. Was sportlich ist, blieb der persönlichen Selbsteinschätzung überlassen. Es gab also sieben mal fünfundzwanzig und zweieinhalb (hin und zurück) mal fünfundzwanzig Meter zum, ja, mehr Ausweichen als kräftig Los- oder gemütlich Dahinschwimmen. Wahrscheinlich nichts fürs Wochenende.

In einem flachen Becken sah ich Leute bei der Wassergymnastik. Es heißt heute anders, nämlich englisch, bleibt aber Gehüpfe nach halbaktuellen Schlagern, das jemand Übergewichtiges munter vorturnt. Im Wasser waren allerdings nicht nur dicke Alte, sondern auch schlanke Junge. Vielleicht hätte ich mitturnen sollen, denn nach dem Schwimmbadbesuch merkte ich etliche Muskeln, die ich offenbar seit Jahren vernachlässigt und falsch belastet hatte.

Ein Bärtiger hatte ein Baby und ein Mädchen im Grundschulalter dabei. Konservativ, wie auch ich geprägt bin, sah ich mich nach der Mutter der Kinder um. Es kam aber, Spielzeug in der Hand, ein weiterer Bärtiger. Ich musste über etwas Schmunzeln, das selbstverständlich ist: zwei kräftige Männer mit zwei zarten Kindern. Und dachte dann, die Frauen dürfen vielleicht nicht öffentlich baden, weil sie sich nicht so entblößen dürfen, vielleicht keinen Ganzkörperbadeanzug haben oder auch darin nicht baden dürfen. Sind da Vorurteile am Werk? Oder habe ich recht, und einer der Männer zündet bei der nächsten Gelegenheit eine gewaltige Arschbombe?

Eine Minderheit traf sich in den beiden Whirlpools. Neben mir saß, mit dem Oberkörper oberhalb des Wassers, eine junge Frau, die wohl vom Down-Syndrom betroffen war. (Zuerst wollte ich schreiben, sie hätte darunter gelitten, aber das weiß ich ja gar nicht.) Sie grinste in die Gegend, auch in meine Richtung, und ich grinste zurück, um ihr ein gutes Gefühl zu geben. Dann schloss ich die Augen in der gleichen Absicht, aber auch um die Wärme aufzusaugen. Später sah ich sie mit einer starken Brille. Vielleicht hat sie mich kaum gesehen. Auf ihrer anderen Seite saß ein gutaussehender Mann, der offenbar ihr Großvater war. Seinem Gesicht war abzulesen, wie vergnüglich er den Ausflug mit seiner Enkelin fand. Sie sahen sich gemeinsam die Hupfdohlen an und amüsierten sich, beredeten, wo sie als Nächstes hingehen wollten, und dabei konnte sie kaum sprechen. Ich beneidete den Großvater. Nicht weil ich mir ein Enkelkind mit Behinderung wünschte, sondern weil ich mir wünschte, einmal, wenn ich groß bin, ein so freundlicher Mensch zu sein.

 

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