13. März 2015

Freie Faltung
 
Jetzt also wieder das Kopftuch. Es soll an deutschen Schulen wieder erlaubt werden, weil jetzt doch die freie Religionsausübung der Lehrerinnen wichtiger ist als der Frieden in der Schule. Es ging erstaunlicher Weise nicht um das Recht der Schülerinnen, von Religion frei zu bleiben. Dieses wurde vom Bundesverfassungsgericht aber schon einmal, nämlich im berühmten Kruzifix-Urteil, verteidigt.

Ich weiß, wer keine Religion hat, hat auch keine Moral. Das ist mir von engen Freunden erklärt worden. Deswegen habe ich mir auch schon dreimal Lebenslänglich eingehandelt. Aber ich schweife ab.

Viele muslimische Kopftuchträgerinnen behaupten, dieses spezielle Kleidungsstück sei durch ihre Religion vorgeschrieben, können aber entsprechende Koransuren nicht nennen oder zitieren. Ich behaupte, das Kopftuch wird schlicht durch Sittlichkeitsvorstellungen geboten. Sich streng muslimisch gebende Männer beschimpfen ihre barhäuptigen Frauen ja nicht als "Sünderinnen", sondern als "Schlampen". Aber ich hole besser aus.

Losgetreten wurde die ganze Geschichte vor ungefähr zwanzig Jahren von einer Dr. Schavan (sie trägt ihren Titel inzwischen nicht mehr), einer christlichen Eiferin, die in der Öffentlichkeit als sexuell verklemmt auftritt. Zu Letzterem erinnere ich mich an ihre Empörung, als ein Politiker gesagt hatte, alle, auch der Papst, dürften schwul sein, und ihr aufgeregtes Leugnen, als über sie spekuliert wurde, sie selbst könnte homosexuell sein. Sie hätte stattdessen auch sagen können, das sei privat und ohnehin nicht besonders interessant. Das gehört hierher.

Dr. Schavan sah anscheinend die Vorherrschaft ihrer Religion gefährdet, als sie, als oberste Dienstherrin, einer Lehrerin das Tragen ihres Kopftuchs untersagte. Die Lehrerin wiederum schämte sich womöglich, unzureichend bekleidet vor ihre Schülerinnen zu treten. So kann man sich nicht einigen.

Ich stellte mir damals vor, wie Dr. Schavan, ihres politischen Amts müde, vielleicht im Auftrag der Caritas auf Yap, in der Südsee, als Lehrerin arbeitet. Auf Yap ist es für Frauen und Männer üblich, auch wenn auch dort T-Shirt & Jeans allmählich den anderen Kleidungsstilen den Lebensraum streitig machen, in der Öffentlichkeit mit bloßem Oberkörper aufzutreten. Dr. Schavan trüge natürlich trotzdem Bluse und lange Hose oder langen Stoffrock. Die Schulbehörde würde sie auffordern, sich landesüblich zu kleiden, um das Vertrauen der Schülerinnen zu erwerben. Und an dieser Stelle, bin ich mir sicher, würde Dr. Schavan ihre gewohnte Kleidung verbissen verteidigen. Allerdings würde sie nicht behaupten, es sei normal, den Oberkörper zu bedecken, denn dass es das nicht wäre, würde sie ja sehen, sondern sagen, ihr Glauben schreibe ihr diese Kleidung vor. Vielleicht hätte sie auch eine passende Bibelstelle parat.

Ich würde das verstehen. Es ist ja leichter, mit der eigenen Religion als mit dem eigenen Sittlichkeitsempfinden zu argumentieren. Scham kann man überwinden, um sich anzupassen, so scheint es, aber der Glaube steht absolut und unverrückbar. Mir aber scheint das Grundgesetz die andere Argumentationsweise ebenso zu schützen, nämlich mit dem Recht, die eigene Persönlichkeit frei zu entfalten. Sich zu schämen, wann und wo einem danach ist, ist dadurch sicher erlaubt. Es ist auch erlaubt, an- oder auszuziehen, was man will, im Rahmen der bei uns sehr großzügigen Sittengesetze. So hätte das Bundesverfassungsgericht geurteilt, wäre es nach mir gegangen.

Die Geschichte hat aber noch einen weiteren Aspekt. Es geht nämlich mal wieder nur gegen Frauen. Sie werden von der einen Seite gedrängt, das Kopftuch auf- und von der anderen Seite, es abzusetzen. Manchmal gibt es Schläge, manchmal ein Berufsverbot. Wie steht es denn um die Männer, die nach einer Mekkareise, wie es manche für religiös geboten halten, ihren Bart langwachsen lassen? Dürfen die in der Schule unterrichten? Oder muss man alle Vollbärtigen danach befragen, ob sie Muslime, Hipster oder rasierfaul sind? Was ist, wenn sie dabei nicht die Wahrheit sagen? Kurz, Männer kann man in dieser Angelegenheit nicht so leicht drangsalieren wie Frauen. Das macht man anders. Denen erklärt man, mit langen Haaren könnten sie nicht für Deutschland sterben. Das nur nebenbei.

Ich behaupte, in der ganzen Angelegenheit geht es der Mehrheitsgesellschaft so gut wie gar nicht um Religion, auch wenn jetzt Menschen das Christentum hochhalten, die man nie in der Kirche sieht. Es geht darum, dass jene so anders aussehen als wir. So etwas konnte noch keine menschliche Gruppe leiden. Männer mit Bärten, nun ja, nicht schön, aber das kennen wir. Immer noch besser als Frauen mit Bärten. Aber Frauen mit Kopftüchern gab es bei uns zuletzt in den Sechzigerjahren. Meine Mutter trug eines, ohne belästigt zu werden. Heute haben wir das nicht mehr und finden alle doof, die modisch so rückständig sind, wie Männer mit Anzug und Hut, Frauen mit Korsett, Männer mit buntem Gewand und Holzkette oder eben Frauen mit Kopftuch.

 

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