30. Januar 2015

Sprechen und humpeln
 
Letztens habe ich viel vom "Holocaust" gesprochen. Das tut mir Leid. Ein Holokaustum ist ein Brandopfer, bei dem die Opfergabe zur Gänze verbrannt wird. Die Ermordung der europäischen Juden war aber kein Opfer, auch wenn sie, in einem anderen Wortsinn, sehr viele Opfer forderte. Sie war ein Verbrechen. Das Wort "Holocaust" ist aber wegen seiner Kürze bequem. Es ist im Deutschen seit dem gleichnamigen Fernseh-Vierteiler vom Ende der Siebzigerjahre gebräuchlich. Vorher haben wir "Auschwitz" gesagt, als ob das Verbrechen nur hinten in Polen stattgefunden hätte und nicht überall unter der deutschen Herrschaft, auf den Straßen, in den Wohnhäusern, auf der Arbeit, in den Köpfen.

Es war auch kein einfaches "Verbrechen", was da begangen wurde. Deshalb ist es ebenso verharmlosend, wie in den Sozialwissenschaften üblich, von der "Ermordung der europäischen Juden" zu sprechen. "Das", und ich habe es immer noch nicht richtig benannt, war so ungeheuerlich, ist so ungeheuerlich, dass es nicht möglich ist, es zutreffend zu benennen, dass es eine Qual ist, davon zu sprechen, und dass man sich, ganz gleich, was man sagt, harscher Kritik aussetzt.

Ich will damit nicht einmal andeuten, man sollte vom "Holocaust" schweigen. Das hieße ja zu verschweigen. An meinem Stammtisch habe ich die anderen gefragt, ob sie sich auch so freuten, dass Auschwitz befreit worden ist, und alle bejahten. Ich war mir da nicht ganz sicher gewesen. Ja, mit solchen Leuten verkehre ich. Wir diskutierten dann das öffentliche Gedenken, mit dem jede auf andere Weise unzufrieden war. Es ist bei jedem dieser Gedenkanlässe ein Gewürge und Gestammele, stellenweise erhellend, manchmal sympathisch, aber insgesamt schwer zu ertragen. Das liegt zum Teil daran, dass das Thema unerträglich ist, aber auch an dem dem unangemessenen Gedenken.

Ich will nicht sagen, dass es gleich sei, was man sage. Man könnte auch jedes Bemühen unterlassen oder sich sogar verächtlich über die Opfer äußern. Wir müssen über das, was ich bequem "Holocaust" nenne, weiter sprechen und streiten. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem es heißt, der-und-der oder die-und-die hätte aber schön über Auschwitz gesprochen, bin aber zuversichtlich, dass ich ihn nicht erleben werde. An jenem Tag nämlich wird "das" vergangen und historisch sein.

Vorläufig kann man hier also nur scheitern, womit ich meine Kritik an dem, was Pastor Gauck neulich gesagt hat, aber nicht im Geringsten zurücknehme.

 

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