9. Dezember 2017

Wo das Alte noch neu ist
 
In einer nahe gelegenen Universitätsstadt treffe ich mich ab und zu mit anderen grau Werdenden im gemeinsamen Bemühen um verschiedene Künste. Eine Zeit lang hatten wir jemanden in der Runde, der Kirchenlieder komponierte und diese gelegentlich auch öffentlich vortrug. Europäische Kirchenlieder sind nicht mein Fall, aber ich bin bereit, mich umstimmen zu lassen. Bei einem anderen Mitglied der Gruppe löste seine Musik jedoch eine heftige Reaktion aus: "Mein Mann musste mir das erst erklären,", schimpfte sie. "Ich dachte, er hätte sich verspielt, aber das war atonal, sagte er. So was kann man in einer so kleinen Stadt doch nicht machen!"

Im Lehrangebot der örtlichen Universität findet sich auch Musikwissenschaft. Dort kann man lernen, dass "atonal" ebenso sehr eine Musikrichtung oder eine Kompositionsweise ist wie "rhythmisch". Gemeint ist hier wohl "weder im Sinne des Kontrapunkts, noch nach der Harmonielehre komponiert".

Man möchte da fragen, was hast du seit 1907 gemacht? Erholst du dich gerade von einer Jahrzehnte währenden Doppelohrentzündung? Aber man möchte auch keinen Streit. Es handelt sich hier um einen Menschen mit einer Vorliebe für zarte Lyrik. Das ist so selten, dass es in anderen Kreisen, denen ich begegnet bin, als Perversion gilt, und muss geschützt werden. Umso mehr erstaunt es mich aber, dass dieses Interesse mit völliger Unkenntnis und Ablehnung zeitgenössischer Musik gepaart ist.

Dabei ist "atonale" Musik oft nicht einmal zeitgenössisch, sondern achtzig bis hundert Jahre alt. Es ist mir nicht entgangen, dass im Radio vor zwanzig Uhr an Musik der klassischen Tradition nichts gespielt wird, was nach Dvořák kommt. Das ist traurig genug. Andererseits muss es nicht verwundern, dass ein Publikum, das seinen Geschmack für gehoben hält, mit diesem Geschmack der Zeit des Feudalismus nachhängt.

Ich möchte gern mitbekommen, was meine eigene Zeit zu bieten hat, an der Gegenwart teilnehmen, sie in angemessenem Umfang auch mitgestalten. Deshalb war ich dieses Jahr wieder mehrere Tage auf der documenta, verfolge ich gespannt den auch verfassungsrechtlich interessanten Machtkampf zwischen Kenyatta und Odinga, freue ich mich über die erste Identifizierung eines extrasolaren Objekts in unserem Sonnensystem. Es gibt keine spannendere Zeit als die eigene, weil es kein interessanteres Leben gibt als das eigene. (Was ist mit dem Ort? Der ließe sich, im Gegensatz zur Zeit, wechseln.)

Neulich stieß ich auf eine Ankündigung des lokalen Symphonieorchesters. Auf dessen Plakaten hatte ich Jahre lang nur Namen wie Mozart oder Brahms gesehen und deshalb gedacht, dieses Orchester beschränke sich auf das im Radio Gängige. So stand diese Ankündigung auch nicht auf einem Plakat, sondern auf einer in einem Buchladen ausliegenden Postkarte. Es sollten an einem Abend Werke osteuropäischer KomponistInnen (alles Männer) vorgestellt werden, deren Namen ich nicht kannte. Eine Recherche ergab, dass bis auf einen alle noch lebten. Ich erwartete Musik aus meiner eigenen Zeit als seltene Gelegenheit und kaufte mir rechtzeitig eine Karte.

Voreile wäre nicht nötig gewesen, denn der Saal war nicht einmal halbvoll mit vielleicht vierzig Menschen, die den vierzehn MusikerInnen zuhören mochten. Später ließ ich mir erklären, dass das Stammpublikum hauptsächlich an Mozart und Brahms interessiert sei und das Unbekannte scheue. Es ist also nicht nur die Gegenwart, die diese MusikfreundInnen meiden. Es wundert mich, dass mit der zutreffenden Beobachtung, man lebe nur einmal, die größten Ausschweifungen gerechtfertigt werden, die meistens in der Betäubung der Sinne und des Geistes bestehen, nie aber der Genuss der phantastischen Mannigfaltigkeit künstlerischer Hervorbringungen.

So begann der Musiker, der in den Abend einführte mit einer Entschuldigung und versprach, die moderne Musik werde so anstrengend nicht sein, entschuldigte sich, danach werde man auch etwas Leichteres spielen, und entschuldigte sich ein paar weitere Male. Nach seiner Ansprache war er nur noch kniekoch und verschwand hinter seinem Cello. Spannend fand ich aber die Ankündigung, eines der geplanten Werke müsse ausfallen, da es noch nicht fertig komponiert sei. Eine zweite Musikerin trug mit osteuropäischem Akzent vor, was sie angeblich auf Wikipedia über die Komponisten gefunden habe. Sie wusste einiges zu sagen, obwohl einer von ihnen nicht einmal in der osteuropäischen Wikipedia verzeichnet ist. Oft betonte sie, dieser oder jener sei sehr berühmt und habe sogar einmal Beethoven oder in Paris oder so.

Gespielt wurde dann etwas melodisch sehr Armseliges von einem Zeitgenossen Mozarts und danach Musik, die gut in die Zeit zwischen Reger und Hindemith gepasst hätte. Ich war enttäuscht und nur teilweise durch den Anblick einer Konzertmeisterin entschädigt, die beim Fiedeln im Sitzen tanzte. Gegen Ende sollte es etwas geben, das swingte, und meinem Bangen trotzend swingte und rockte das Orchester, als wäre es gerade zu sich selbst gekommen. Ich fläzte mich in meinem Stuhl und schnippte mit, womöglich die MusikerInnen nervend, wünschte mir aber so sehr, das ganze Publikum möge mitgehen, statt nur am Ende höflich zu klatschen.

Am Ende klatschten wir alle höflich und hörten eine Zugabe, die von einem der bereits gespielten Komponisten stammte, aber, "seien Sie beruhigt, ganz anders" klang, sehr schlicht nämlich. Als danach Blumen an alle MusikerInnen verteilt wurden, kamen die beiden Solistinnen, die sich schon umgezogen hatten, statt in grellen Kleidern ganz sympathisch in Pullover und Jeans auf die Bühne.

Ich erwischte den wortführenden Cellisten, als er, durch die Musik wieder bei seiner ursprünglichen Größe angelangt, aufräumte, und fragte ihn, seine Entschuldigungen bedauernd, nach der zeitgenössischen Musik. Er gab zu, dass das an diesem Abend Dargebrachte kompositorisch eher dem frühen zwanzigsten Jahrhundert angehörte, erzählte mir aber, dass sein Orchester zuletzt auch Widmann gespielt habe, den er nicht leiden könne, weil jener Rihm-Schüler sei und er selbst Rihm im Studium kennengelernt habe und so weiter. Ein anderer Komponist habe aber speziell für die Cellisten dieses Orchesters einige Stücke komponiert und so weiter, und vielleicht war er froh, einmal jemanden zu treffen, der neugierig auf solche Berichte war. Mich jedenfalls hat er neugierig auf weitere Aufführungen gemacht. Bald soll es Werke junger KomponistInnen geben, die sich eines Instruments aus der volkstümlichen Musik angenommen haben. Ich hoffe, mein Portmonnee sagt ja dazu.

Und in der Literatur muss ich jetzt auch staunen. Da lese ich gerade den Roman so einer Chinesin, da gibt es zwei verschiedene Ich-Erzähler, und man weiß nie, wer gerade spricht. Mal ist es ein Mann, mal eine Frau, und es wird nichts erklärt. So was habe ich ja noch nie erlebt. Das ist sehr anstrengend.

 

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