22. Januar 2012

Non-stop Gefühl
 
Vor zwei Wochen habe ich mir einen Baladeur gekauft. Für alle, die kein Französisch können und für die alles auf englisch sein muss: ein Baladeur ist ein Gerät, mit dem man gespeicherte Musik unterwegs hören kann. Ach so, ein Baladeur ist ein MP3-Player. Ja, aber vor zehn Jahren hieß "baladeur" auf deutsch "Walkman". Das ist doch etwas ganz anderes, höre ich den Deutschen jetzt ausrufen, eine Cassette ist doch kein Flash-Speicher mit Dateien! Für den Deutschen ist die Technik in einer Maschine nämlich wichtig. Er nennt Carl Benz den Erfinder des Autos, weil nur etwas, das mit Benzin fährt, ein Auto ist. (Das muss er so sehen, weil zu Benz' Zeiten die Straßen bereits voll waren mit mehrrädrigen motorisierten Fahrzeugen.) Für den Franzosen ist es wichtiger, was er mit einer Maschine anfangen kann. Mit einem Baladeur kann er unterwegs Chansons hören.

So gesehen, missbrauche ich mein Gerät, weil ich alles andere als Chansons höre. Ich höre die neuesten Hervorbringungen der internationalen Popmusik. International, nicht grandenational. Die lade ich mir vorher, weil sie im Radio nicht kommt, eimerweise illegal aus dem Internet herunter, um sie kennenzulernen, bei Missfallen zu löschen oder bei Gefallen und Geldreichen zu bezahlen. Ja, bezahlen, denn die Musiker arbeiten ja für meine Freude. Allein, das Geldreichen ist so eine Sache bei mir, aber ungern würde ich auf einen großen Teil der durch Musik erzeugten Freude verzichten. Es wäre auch nicht im Sinne der Musiker, wenn ich aus Ehrgefühl auf ihre Musik verzichtete, obwohl mich niemand dazu zwänge.

Ich missbrauche mein Gerät außerdem, indem ich es nicht unterwegs benutze. Ich dachte, ich könnte mir die ewig gleichen Wege durch ewig gleiche Straßen mit Musik versüßen, habe aber nach zwei Wochen schon eingesehen, dass das nicht funktioniert. Völlig vom Verkehr abschotten wollte ich mich nicht, weil ich sonst das Fahrradklingeln sehen müsste, was ich mir nicht zutraue. So aber, unabgeschottet, nervt mich jedes Auto, das in einer Querstraße fährt. Lauter aufdrehen? Ja, das hilft, wenn man Metall hört oder eine der vielen Sorten von Kernmusik. Ich jedoch ziehe meistens zarte Musik vor, solche, in der das einzelne Ploink eines schüchternen Banjos den komplexesten Seelenzustand wiedergeben kann. So ein Banjoploink hat gegen das Fahrgeräusch eines Autos keine Chance. Es hat auch keine Chance gegen die Lüftungen der Geschäfte oder gegen die Gespräche anderer Passanten. Neulich war ich fast soweit, die anderen Leute unsanft darauf hinzuweisen, dass sie ja wohl sehen müssten, dass ich Musik höre, und sie gefälligst während dessen die Klappe zu halten hätten. Jetzt lasse ich das Gerät zu Hause.

Auch dort gibt es Bedarf an mobiler Musik. Ich bewege mich viel in der Wohnung, weil ich einen Haushalt führe, und gehöre nicht zu den Menschen, die in einem Zimmer laut aufdrehen, um die Musik in der ganzen Wohnung hören zu können. Meine Nachbarn sind ohnehin nicht taub. Und man muss schon sehr laut aufdrehen, um die Feinheiten der jeweiligen Musik genießen zu können. Hier verwende ich Kopfhörer. Die Kinder müssen mich eben anstupsen, wenn sie etwas wollen. So klein, dass ich immer Augen und Ohren offen halten müsste, ist auch der Jüngste nicht mehr.

Ob draußen oder drinnen, jetzt habe ich jeden Tag stundenlang Musik im Ohr, die mich interessiert. Das hatte ich so lange nicht, ich hatte schon vergessen, wie das ist. Klassische Musik und Jazz halten sich ja vornehm zurück, aber Popmusik, und je besser sie gemacht ist, desto mehr, schlägt oder schmiert einem Gefühle direkt in die Fresse. Ich habe jetzt jeden Tag stundenlang intensive Gefühle im Ohr. Was das mit einem jungen Menschen anstellen kann, habe ich erfahren. Was es mit einem älteren Menschen macht, werde ich jetzt sehen.

Außerdem ist es zum Teil fantastische Musik, die ich nun jeden Tag stundenlang im Ohr habe. Was die aktuellen Vereine junger Leute, meistens, warum auch immer, junger Männer, sich musikalisch einfallen lassen, beeindruckt mich sehr.

 

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