28. März 2014

Das Leben als besserer Mensch
 
Vor einigen Jahren habe ich einer Kollegin Die Wand von Marlen Haushofer geschenkt. Wir arbeiteten in einer kleinen Firma, in der es üblich war, einander zum Geburtstag zu beschenken und diese Geburtstage auch gemeinsam zu begehen, in dem man sich nach Feierabend in einem der Büroräume traf, sich betrank und Karnevalslieder hörte, nicht aber sang. Ich finde es bis heute bizarr, ausgerechnet am eigenen Geburtstag freiwillig länger auf der Arbeit zu bleiben, aber es war ein Betrieb der damals so genannten New Economy, in der wir alle Freunde waren, was hieß, dass die Firmengründer und -inhaber, meistens zwei heterosexuelle Männer, die auf diese Weise heimlich und unbewusst ihre homosexuelle Seite auslebten, lächelnd Willkür übten und die Angestellten ("und Angestelltinnen", wie ein Studienkollege einmal in einem Referat anführte, aber jetzt komme ich doch vom Wege ab) vor lauter Glück nicht merkten, dass sie eigentlich Rechte gehabt hätten. Gewerkschaften waren so sehr verpönt, dass mir beim damaligen Eintritt von den Genossen beschieden wurde, ich sei das erste Mitglied aus meiner Branche, und man nicht wusste, in welchen Fachbereich ich passte. Trotzdem hatte besagte Kollegin eine Bemerkung über die Arbeit gemacht, die mich veranlasste, in einem Buchladen nach einem Roman zu fragen, in dem viel gearbeitet werde. Zunächst schlug man mir einen Klassiker von Hans Fallada vor, doch dessen Buch war mir zu alt oder zu dick oder zu männlich. Den zweiten Vorschlag, Die Wand, nahm ich an. Einen "Klassiker der Frauenliteratur" nannte ihn ein befreundeter linker Deutschlehrer, der offenbar so links nicht war.

Meine Kollegin hat das Buch tatsächlich gelesen. Diese Ehre weiß ich zu schätzen. Sie fand es zu lang, indem sich zuviel wiederholte, aber das ist für mich schon eine der Stärken des Romans: Arbeit besteht vor allem aus Wiederholung des Immergleichen, aus Wiederholung des fast Immergleichen.

Es hat nun einige Jahre und mehrere Ansätze gedauert, bis ich selbst gelesen habe, was ich da verschenkt habe. Die Geschichte wird von zwei fantastischen, oder besser unerklärlichen, oder noch besser unerklärten Ereignissen eingerahmt. Die gewöhnliche Fantasy, mit der man seit Dungeons & Dragons, dem weltweiten Erfolg von The Lord of the Rings und Star Wars zugeschissen wird, vertritt Feudalismus, Geschlechterstereotypen und Problemlösung durch Gewalt. Außerdem ist dort die ganze Welt phantastisch, und ihre Figuren finden Zauberer und Drachen selbstverständlich. Hier aber sieht alles, bis auf die zwei Ereignisse, ganz normal aus, und die Hauptfigur selbst kann sich auch nur wundern oder vielmehr ängstigen.

Am Anfang verbringt eine Frau eine Nacht allein in einem alpinen Talkessel und findet sich am Morgen von einer durchsichtigen, aber unzerstörbaren Wand umgeben, die ihr Tal, den Berg oberhalb und womöglich noch weitere Bergtäler umschließt, aber nicht mehr. Jenseits der Wand ist alles menschliche und tierische Leben gestorben, während die Pflanzen, und damit auch die Pilze und Mikroben, weiter gedeihen. Wenige Seiten später wird angekündigt, dass der Hund, der menschenähnlichste Begleiter der Frau, sterben wird. Dies geschieht aber erst wenige Seiten vor Schluss. Nachdem die Frau zweieinhalb Jahre lang in ihrem Tal und auf der Alm oberhalb überlebt hat, ohne auf einen Menschen oder frische Spuren eines Menschen zu stoßen, kommt plötzlich ein Mann und tötet die beiden männlichen Tiere, die sie hat. Er selbst stirbt im nächsten Moment durch die Hand der Frau.

Für mich gab es zwei Spannungselemente im Roman. (Die Literaturwissenschaft spricht, männlich dominiert, von "Spannungsbögen", wahrscheinlich weil mal jemand gehört hat, dass Bögen gespannt werden, Waffen also. Für mich könnten es auch Spannungswäscheleinen sein. Auf keinen Fall sollte man sich die Spannung in einer Geschichte als irgendwie halbrund oder halboval vorstellen.) Zum Einen wollte ich wissen, wodurch der Hund sterben würde, und konnte es kaum ertragen, dass er immer weiter lebte, zum Anderen wollte ich sehen, wie die Frau in der Abgeschiedenheit mit sehr wenig bäuerlicher Erfahrung überlebt. Anfangs wünschte ich ihr auch, Kontakt zu anderen Menschen zu finden, aber das ließ im Laufe des Lesens nach.

Sie sät, düngt und erntet also, jagt, angelt, findet eine trächtige Kuh, mäht deren Winterfutter, hackt Holz und baut, bekommt Schwielen, verletzt sich und wird ab und zu krank. Als Lektüre dienen ihr alte Bauernkalender, denen sie wichtige Hinweise für die Arbeit entnimt, die ihr aber auch literarisch immer besser gefallen. Daneben hat sie nur die Tiere und ein Kartenspiel zur Zerstreuung. Die anderen Künste scheinen ihr von vornherein wenig zu bedeuten. Sie singt, tanzt und zeichnet nicht, berichtet aber davon, wie sie ihre Geschichte aufschreibt.

Im Laufe dieser Geschichte legt sie vieles ab, was ihr als Stadtmensch selbstverständlich war, schmückende Kleidung, Uhren, Schulwissen, empfindet sich allmählich als geschlechtslos, wenn auch in deutlichem Gegensatz zu allem Männlichen, und entwickelt den Wunsch, überhaupt Menschliches abzulegen, ihr Gesicht etwa oder Denk- und Handlungsweise eines Menschen. Nur das Lachen fehlt ihr. Sie bemerkt, wie ihr Ich in einem Wir aufgeht, und sieht den Unterschied zwischen ihr und den Tieren verschwimmen. Sie ist damit zufrieden, dass mit ihr menschliches Leben, Tod und Alleinsein aufhören. Vielleicht ist es folgerichtig, dass sie dem am Ende mit ihrem Gewehr nachhilft.

Was die Wand betrifft, hatte ich anfangs erwartet, die Frau würde, sobald sie entdeckt, dass sie sich drunter durch graben und auf der anderen Seite leben kann, ans Werk gehen. Doch sie schiebt es bis zum letzten Moment auf, wartet, bis ihr Streichhölzer und Munition ausgehen, und bleibt solange in dem ihr zugewiesenen Bereich.

Von einem Klassiker der Frauenliteratur erwarte ich nicht nur, dass er von einer Frau geschrieben worden ist, sondern auch, dass er mindestens einen Aspekt des gesellschaftlichen Konflikts zwischen Männern und Frauen darstellt oder eine Alternative beschreibt. Hier beschränkt es sich aber auf ein Männer-wollen-töten-aber-Frauen-können-lieben, ein mehr als selbstbewusstes "Wären alle Menschen von meiner Art gewesen, hätte es nie eine Wand gegeben" und eine Lösung, in der ein tötend daherkommender Mann selbst von einer Frau getötet wird. Das hätte ich gern weniger plump.

Eher handelt es sich hier um Naturromantik. Zwar wird die Grausamkeit der Natur geschildert, das gegenseitige Töten, das Ausgrenzen von Fremden, die wiederkehrenden Knappheiten, aber sie ist wirklicher als die Stadt. Alles, was die Frau bisher tat, kommt ihr wie ein Abklatsch vor. Seit ihrer Kindheit hat sie verlernt, mit eigenen Augen zu sehen. Die Tiere dagegen erleben die Wirklichkeit mit Schrecken und Entzücken, und ihr Tod ist, da ohne Hoffnung, ein wirklicher Tod. Diese Wirklichkeit kennt keine Langeweile, und die Frau vermutet, dass ihr ständiges leichtes Unbehagen wie die Unruhe ihrer städtischen Töchter eigentlich Langeweile war. Damit kann ich etwas anfangen.

Noch mehr ist dies ein post-apokalyptischer Roman. Wie sehen jemanden, die nach dem Ende der bekannten Welt zurechtkommen muss und sich in den neuen Umständen einrichtet. Für meinen Geschmack geht sie dabei etwas zu geschickt vor, ich wäre sicher nach wenigen Wochen verhungert, aber andererseits macht Not erfinderisch und befähigt Not oft. Insgesamt finde ich die Geschichte sehr plausibel. Hier stört es mich auch nicht, dass die Frau allenfalls typisch für eine bestimmte städtische Gesellschaftsschicht ist, aber außer einer aus der Kinderzeit überkommenen Vorstellung, alles, was sie nicht sähe, verschwände, keine individuellen Züge trägt, weil sie eben als womöglich letzter Mensch auf Erden, bei allem Geschimpfe auf die Männer, jeden von uns repräsentiert.

Vor allem habe ich hier aber einen Roman über die Arbeit gelesen, einen ohne Kollegen und Eitelkeiten, sondern nur mit Schuften und Sorgen. Und das soll gut sein? Ja, das ist großartig.

 

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